Erfahrungsbericht: „Fastenwandern in Nepal“


Fastenwandern in Nepal

Ich lernte Frank Ahlers kennen Im März 2010 lernte ich Frank Ahlers (Fastenleiter) in Berlin kennen. Interessiert, aber etwas skeptisch fragte ich ihn über sein mir unbekanntes Reisekonzept aus. Die Verbindung von Fasten-, Aktiv- und Fernreisen erschien mir doch sehr gewagt. Damals hätte ich es wohl nie für möglich gehalten, dass ich ziemlich genau ein Jahr später die erste Nepal-Fastenreise begleiten würde. Mit geschnürtem Wanderrucksack wartete ich am Flughafen von Kathmandu gemeinsam mit Raj Hartung (Wanderleiter) auf die Ankunft der acht Reisegäste. Meine Vorfreude war groß. Seit 2 Monaten bereits versuchte ich mich in Alltag und Sprache der nepalesischen Hauptstadt zurechtzufinden, was zwar unendlich spannend und aufregend sein kann, aber für eine westliche, unverheiratete Frau nicht immer einfach ist. Umso mehr sehnte ich mich nach einer kleinen Auszeit. Zwei Wochen sprachliches Heimatgefühl, mit viel Austausch und Gesprächen, wunderschönen Landschaftskulissen, langen Wanderungen und frischer Landluft erschienen mir genau das richtige zu sein. Dass die Hälfte der Reisezeit ohne Essen sein sollte, störte mich zunächst nicht -. im Gegenteil: der Gedanke, 7 Tage der nepalesischen Gastfreundschaft mit ihren dazugehörenden (Über-)fütterungsritualen zu entfliehen, war mir direkt sympathisch. Trotzdem… Zweifel kamen dennoch auf. Solch eine Reise ohne Energie spendende Nahrung? 7 Tage auf jegliche Leckerei und gastronomischen Lebensgenuss verzichten? Und was bitte schön soll ein Einlaufgerät sein? Und wie schmeckt Bittersalz? Fragen über Fragen… und das soll Urlaub sein? Plötzlich wurde ich aus meinem Gedankenkonflikt gerissen – die Reisegruppe war endlich gelandet. Die ersten zwei Tage dienten der Eingewöhnung. Auch gemeinsam gespeist wurde noch und das traditionelle Begrüßungsessen mit Tanz und Kulturvorführungen gab tiefe Einblicke in lokale Tradition und Küchenkunst. Auf Stadtspaziergängen wurden die berühmtesten Sehenswürdigkeiten und Tempelanlagen der ursprünglichen Königsstadt erkundet, und als das zweite Abendessen bereits durch eine Suppe ersetzt wurde, erschien dies nebensächlich neben der Fülle der neuen Eindrücke. Zurück in der Hotellobby wurde das Bittersalz angerührt. Anfängliche Bedenken der Fastenneulinge wurde durch professionelle Einweisung von Frank ausgeräumt, und gemeinsam schluckte man das doch etwas andere „Gutenachtgetränk“. Erster Fastentag: Der Morgen startete mit Frühgymnastik auf dem Hoteldach. Die natürliche Bergumzingelung der Hauptstadt und der Blick auf die goldene Swayambhunath Stupa schufen zusammen mit dem Morgenlicht eine einmalige „Fitnesslocation“. Mein anfängliches Unwohlsein verflog mit den ersten sanften Bewegungen, und bald freute ich mich auf das gemeinsame Fastenfrühstück: Tee und Fruchtsaft. Frisch gestärkt ging es los nach Changunarayan, dem ältesten Tempel im Kathmandu Tal. Nach anschließender Wanderung erreichten wir die Dorftempelanlage unseres Ankunftsortes in reichem Schmuck. Die bunte Szene verlebendigte eine Schar kleiner Mädchen, aufwendig bemalt, bekleidet und goldbehangen zusammen mit ihren festlich hergerichteten Verwandten. Wir hatten das Glück, auf eine traditionelle Früchtehochzeit der Newar, einer der wichtigsten nepalesischen Volksstämme zu treffen. In ihrer Kultur ist es Sitte, dass Mädchen dreimal verheiratet werden, erst mit einer Frucht, dann mit der Sonne und schlussendlich mit ihrem Mann. Übernachtet wurde in Nagakot. Die schöne Hotelanlage mit einem bezaubernden Ausblick auf die traumhafte Berglandschaft war für einen entspannten Nachmittag genau der richtige Ort. Zweiter Fastentag: Früh morgens in eine Decke gehüllt setzte ich mich auf den Balkon und wartete gespannt auf den sich ankündigenden Sonnenaufgang. Im nächsten Moment zwang sich jedoch der Geruch von Würstchen, Ei und Kaffee in meine Nase. Ich blickte nach unten und sah das Frühstück einiger Hotelgäste, die genüsslich auf der Restaurantterrasse – genau unter meinem Balkon – schlemmten. Zunächst fiel es mir schwer, meinen Blick abzuwenden, und eifersüchtig schaute ich der Szene zu. Es war kein direktes Hungergefühl, mehr die attraktive Vorstellung, an so einem zauberhaften Ort auch noch am leckeren Frühstücksbuffet zuzulangen. Schließlich zwang ich mich, den Blick wieder zu heben, und wurde mit einem atemberaubenden Spektakel belohnt: die Sonne erhellte das Gebirgspanorama und erfasste langsam einen Gipfel nach dem anderen. Jetzt noch an Essen denken – nein, dafür war wirklich kein Platz mehr! Später wanderten wir nach Dulikel und besichtigten die berühmte Newar-Altstadt mit ihren ausgezeichneten Schnitzarbeiten. Die Essenspausen wurden durch gemeinsames Teetrinken, Zitronenbeißen und eine abendliche Suppe gefüllt. Und als wir spontan auf eine Indische Party eingeladen wurden, war ich direkt froh, nicht an dem „großen Fressen“ teilnehmen zu müssen, sondern das Ganze aus sicherer Entfernung mit einem Mangosaft in der Hand betrachten zu können. Dritter Fastentag: Mit dem Bus ging es zu dem eigentlich nur 220km entfernten Pokhara, was bei den vorherrschenden Straßenverhältnissen, dem dichten Verkehr sowie zahlreichen Pausen dann doch acht Stunden dauerte. Endlich angekommen freuten wir uns um so mehr auf die kühle Dusche und die warme Suppe am See. Vierter Fastentag: Erst paddelte man mit kleinen Holzbooten über den Phewa See und später folgte ein steiler Aufstieg zur „World Peace Stupa“. Das Erklimmen der Stufen bei großer Hitze strengte an, der leere Magen jedoch nicht. Oben wartete die Belohnung, eine schneeweiß gestrichene Stupa sowie tolle Ausblicke. Nach gemeinsamer Abendsuppe wollten sich einige noch am Pokhara-Nachtleben erfreuen und fanden eine schöne Gartenbar mit Livemusik. Die Temperatur war angenehm mild, die Band gut, die Stimmung ausgelassen. Alles schien perfekt. Doch dann kam die Versuchung – die Getränkekarte. Nachdem ich widerwillig den wohl 63. Tee auf dieser Reise bestellte und ihn mir die Kehle hinab laufen ließ, musste ich mir eingestehen – zu gerne hätte ich das Warmgetränk durch ein kaltes Bier mit Erdnüssen eingetauscht. Um die Gesamtstimmung nicht zu verderben, verabschiedete ich mich von der Gruppe und schlenderte durch die belebten Gassen. Schließlich trank ich dann doch noch einmal einen Tee, zusammen mit einem lustigen Inder, und wagte sogar, das Getränk mit etwas Zucker aufzuputschen. Bald verließ ich auch diese Szene, um mich unzufrieden in mein Bett zu legen. Fünfter Fastentag: Die Sonne strahlte in mein Zimmer und ich erwachte voller Stolz. Schnell waren die negativen Gedanken des Vorabends weggeblasen und ich freute mich auf den neuen Tag. Voller Energie kletterte ich zur Frühgymnastik auf die Dachterrasse und genoss die See- und Bergkulisse während der Übungen. Heute stand der Tag zur freien Verfügung. Einige Teilnehmer begaben sich zu einem kleinen Bergbadesee, wo wir spazieren gingen, Boot fuhren, im See badeten und uns sonnten. Dass wir auf Pommes, Eis und Cola verzichten mussten, fiel in dieser Naturschönheit keinem schwer. Sechster und letzter Fastentag: Früh morgens stand der Flug nach Jomson auf dem Programm – ich glaube, noch nie einen anregenderen Flug erlebt zu haben: Die Schneeberge des Himalayagebirges, die Terrassenfelder des Hügellandes und die kleinen Bergdörfer erschienen durch die Fenster der Kleinmaschine zum Greifen nah. Nach der Landung ging es mit dem Jeep weiter hinauf zur Tempelanlage von Muktinath – eine der wichtigsten Pilgerstätten des Landes. Mittags wanderte man zurück nach Marpha. Im gemütlichen Aufenthaltsraum der Lodge hielt Frank noch einen Vortrag zum Abfasten, und voller Vorfreude auf das nächste Frühstück legte ich mich ins Bett. Endlich… zwei große Teller mit goldgelben Äpfeln erwarten uns. Das kleine Bergdorf Marpha, das Zentrum des nepalesischen Apfelanbaugebietes, war für den besonderen Anlass auch genau richtig ausgewählt. Die Äpfel sahen zwar lange nicht so perfekt aus wie unsere deutschen Hochglanzfrüchte, aber schmeckten dafür umso besser. Genüsslich kauend freute man sich, dass nun auch die kulinarische Kultur Nepals wieder ins Programm zurückkehrte. Auf der darauf folgenden siebentägigen Trekkingtour im Annapurna Nationalpark wanderten wir durch traumhaft schöne Gebirgslandschaften, Rhododendron-Wälder, sowie kleine Bergdörfer, von Wasserbüffeln, Bergziegen, Maultieren und Hunden begleitet. Den letzten Abend in den Bergen verbrachten Begleitmannschaft und die gesamte Dorfjugend mit uns bei Tanz, Gesang und gutem Essen. Nach einer letzten Wanderung ging es wieder zurück nach Pokhara, wo die beim ersten Besuch eher bescheiden wirkende Hotelanlage den meisten nun wie ein Palast vorkam. Lachend tauschten wir die neue Wahrnehmung aus und waren dankbar für den Perspektivenwechsel. Was ich gelernt habe?! Wohl das wichtigste für mich war die Erkenntnis, dass der Verzicht auf etwas Geliebtes nicht nur Nachteile mit sich bringt, sondern auch den Blick auf sonst leicht Übersehenes schärft. Diese wichtige Erfahrung kann ich jederzeit weiterempfehlen! Herzliche Grüße und Namaste Sophie Streck